{"id":2167,"date":"2015-09-05T13:41:48","date_gmt":"2015-09-05T13:41:48","guid":{"rendered":"http:\/\/europeanjournalists.org\/de\/?p=2167"},"modified":"2015-09-29T13:53:45","modified_gmt":"2015-09-29T13:53:45","slug":"montenegro-die-taktik-andert-sich-aber-der-druck-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/europeanjournalists.org\/de\/2015\/09\/05\/montenegro-die-taktik-andert-sich-aber-der-druck-bleibt\/","title":{"rendered":"Montenegro:  Die Taktik \u00e4ndert sich \u2013 aber der Druck bleibt"},"content":{"rendered":"<p>Autor: Wolfgang Grebenhof, DJV<\/p>\n<p><em><strong>Oppositionelle Medien haben es extrem schwer in Montenegro<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Gerne pr\u00e4sentiert sich Montenegro, das 650.000-Einwohner-Land s\u00fcdlich von Kroatien, als Mustersch\u00fcler des Balkans mit Ambitionen zum EU-Beitritt. Doch was die Pressefreiheit angeht, ist der Zwergenstaat an der Adria das krasse Gegenteil eines Musterknaben. Wer in Montenegro einen kritischen Blick auf die Regierung Djukanovic und deren Machenschaften wirft, wer Filz und Korruption journalistisch durchleuchtet, der lebt nach wie vor gef\u00e4hrlich. Seit der BJV im Jahr 2011 Kontakte mit regierungskritischen Medien in Montenegro \u2013 den Tageszeitungen Dan und Vijesti sowie dem Nachrichtenmagazin Monitor \u2013 kn\u00fcpfte, hat sich die Lage der Kolleginnen und Kollegen dort weiter verschlechtert. Die Taktik hat sich indes ge\u00e4ndert: Die Zahl gewaltsamer \u00dcbergriffe auf mutige Journalisten ist zur\u00fcckgegangen. Stattdessen sollen die unliebsamen Medien nun finanziell in den Ruin getrieben werden.<\/p>\n<p>\u201eSie sind nahe dran, uns unterzukriegen\u201c, sagt Zeljko Ivanovic, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Vijesti. \u201eWir haben die Diktatur \u00fcberlebt, aber ob wir auch die Demokratie \u00fcberleben?\u201c Doch eigentlich spricht Ivanovic ohnehin lieber von einer \u201eDemokratur\u201c. Ohne den Druck der Regierung w\u00e4re seine Zeitung, die inzwischen zwecks Kostenreduzierung mit dem Fernsehsender Vijesti-TV und dem Wochenmagazin Monitor unter einem Dach arbeitet, eine der erfolgreichsten Medien im Land, ist er \u00fcberzeugt. Doch weil inzwischen fast s\u00e4mtliche \u00f6ffentlichen Anzeigenauftr\u00e4ge fehlen und sich auch private Unternehmen aus Angst vor Nachteilen mit Annoncen zur\u00fcckhalten, k\u00e4mpft das Blatt ums \u00dcberleben \u2013 und das trotz seiner enormen Reichweite.<\/p>\n<p><strong>Personell am Minimum<\/strong><\/p>\n<p>Etwa 55 Redakteure arbeiten Ivanovic zufolge derzeit f\u00fcr das Blatt, rund 100 sind es inclusive TV-Kan\u00e4len und Monitor. 20 bis 30 Leute habe er schon entlassen m\u00fcssen, der Rest habe Gehaltsk\u00fcrzungen erlitten, gute Leute seien deshalb gegangen. \u201eWir k\u00f6nnen investigative Recherchen nicht mehr bezahlen\u201c, klagt Chefredakteur Mihailo Jovovic: \u201ePersonell sind wir am Minimum angelangt.\u201c St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck versuche die Regierung, ihre Kritiker ausbluten zu lassen \u2013 nicht allein durch Anzeigenboykott, sondern auch durch Prozesse gegen unliebsame Berichterstattung, die bisweilen mit empfindlichen Geldstrafen enden. \u201eAber wir gehen keine Kompromisse ein. Wir lassen uns unsere W\u00fcrde nicht abkaufen\u201c, gibt sich Ivanovic k\u00e4mpferisch.<br \/>\nZu den Geldn\u00f6ten gesellt sich eine weitere B\u00fcrde: Die der hohen Kosten f\u00fcr Sicherheit. Nach wie vor m\u00fcssen Journalisten, die kein Blatt vor den Mund nehmen, Sorge haben, Opfer gewaltt\u00e4tiger Attacken zu werden. Mal wird ein Auto abgefackelt, mal explodiert ein Sprengsatz vor der Redaktion, mal werden Kollegen auf offener Stra\u00dfe verpr\u00fcgelt. Die T\u00e4ter? Sie bleiben in aller Regel unbekannt \u2013 und das, obwohl es zwischenzeitlich eine Kommission gibt, die sich der Aufkl\u00e4rung derartiger \u00dcbergriffe widmen soll. 34 F\u00e4lle sind es, zw\u00f6lf davon werden als \u201edringend\u201c eingestuft. Besetzt ist das Gremium mit f\u00fcnf Medienvertretern \u2013 und sechs Regierungsleuten. \u201eWir sollen die Schwachstellen in den polizeilichen Ermittlungen aufdecken. Aber wir bekommen nur nutzlose Dokumente, in denen die Namen wichtiger Zeugen geschw\u00e4rzt sind\u201c, klagt ein Kommissionsmitglied. Und solange Premierminister Milo Djukanovi\u0107 an der Macht sei, werde sich das wohl auch kaum \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Mord unges\u00fchnt<\/strong><\/p>\n<p>Nach wie vor unges\u00fchnt ist auch der Mord am Chefredakteur der Zeitung Dan: Dusko Jovanovic wurde im Jahr 2004 auf offener Stra\u00dfe erschossen. \u201eEin Jahrzehnt danach stehen wir immer noch ganz am Anfang\u201c, klagt seine Witwe Slavica Jovanovic. Sie bangt um den Fortbestand der nach ihrem Mann benannten Stiftung, die einen internationalen Preis f\u00fcr investigative Journalisten verleiht, und sie f\u00fcrchtet um das Blatt Dan, das ebenso wie Vijesti mit dem R\u00fccken zur Wand steht. Hier wie dort sind die Probleme dieselben. Seit die Regierung eine Gratis-Zeitung auf den Markt brachte, hat es die eher im Boulevard angesiedelte Zeitung Dan schwerer denn je.<br \/>\nF\u00fcr die Journalisten, die selbst unter der Last st\u00e4ndiger Bedrohung nicht daran denken, aufzugeben, stellt sich die Frage: \u201eWie ernst ist es der internationalen Gemeinschaft, sich mit Montenegro zu besch\u00e4ftigen?\u201c Nur internationaler Druck k\u00f6nne Ver\u00e4nderungen bewirken, sind sie \u00fcberzeugt. Deshalb sei es so wichtig, dass die desolaten Zust\u00e4nde \u2013 auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter Ohne Grenzen rangiert Montenegro aktuell auf Platz 114 \u2013 im Ausland wahrgenommen und immer wieder angeprangert werden.<br \/>\nDas tun hin und wieder Abgeordnete des Europa-Parlaments wie Terry Reintke, und das hat erst j\u00fcngst wieder die Europ\u00e4ische Journalistenf\u00f6deration EJF getan, als sie in der montenegrinischen K\u00fcstenstadt Budva ihre Jahresversammlung hielt. Sie verurteilte Angriffe auf investigativ t\u00e4tige Journalisten wie Tufik Softic, der unter st\u00e4ndigem Polizeischutz steht, seit vor zwei Jahren eine Bombe hinter seinem Anwesen explodierte. \u201eWir fordern die Regierung auf, F\u00e4lle wie diesen aufzukl\u00e4ren und daf\u00fcr zu sorgen, dass Journalisten unter normalen Bedingungen arbeiten k\u00f6nnen\u201c, hei\u00dft es in der EJF-Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t ist gefragt<\/strong><\/p>\n<p>Marijana Camovic, die Vorsitzende der montenegrinischen Journalistengewerkschaft TUMM, ist da allerdings wenig optimistisch. \u201eDie Arbeitsbedingungen unserer Kolleginnen und Kollegen hier sind schlechter denn je\u201c, berichtete sie. Die Zahl der Journalisten im Land sinke dramatisch. Wer k\u00f6nne, suche sich einen anderen Job.<br \/>\nEine Entwicklung, die Oliver Vujovi\u0107 in Budva ebenso beschrieb. \u201eWir sind dabei, investigativen Journalismus zu verlieren. Wir verlieren unseren Beruf\u201c, sagte der Gr\u00fcnder und Generalsekret\u00e4r der South East Europe Media Organisation (SEEMO). Und er richtete einen eindringlichen Appell an die internationale Journalistengemeinschaft: \u201eWir brauchen mehr Solidarit\u00e4t!\u201c<\/p>\n<p>WOLFGANG GREBENHOF<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>(Der Autor hat im Juni 2015 in Montenegro recherchiert. Dieser Artikel erschien in leicht gek\u00fcrzter Form im BJV-Report, dem Magazin des Bayerischen Journalistenverbandes, Ausgabe 4\/2015, Seite 20. Online unter <a href=\"http:\/\/www.bjv.de\/sites\/default\/files\/megazine3\/BJV_Report_2015_4\/index.html#\/20\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.bjv.de\/sites\/default\/files\/megazine3\/BJV_Report_2015_4\/index.html#\/20<\/a> Auch Vijesti hat den Artikel am 3. 9. 2015 ver\u00f6ffentlicht: <a href=\"http:\/\/www.vijesti.me\/forum\/prezivjeli-smo-diktaturu-hocemo-li-i-demokraturu-849632\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.vijesti.me\/forum\/prezivjeli-smo-diktaturu-hocemo-li-i-demokraturu-849632<\/a>).\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Wolfgang Grebenhof, DJV Oppositionelle Medien haben es extrem schwer in Montenegro Gerne pr\u00e4sentiert sich Montenegro, das 650.000-Einwohner-Land s\u00fcdlich von Kroatien, als Mustersch\u00fcler des Balkans mit Ambitionen zum EU-Beitritt. Doch was die Pressefreiheit angeht, ist der Zwergenstaat an der Adria das krasse Gegenteil eines Musterknaben. 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