{"id":2311,"date":"2018-01-29T10:00:38","date_gmt":"2018-01-29T10:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/europeanjournalists.org\/de\/?p=2311"},"modified":"2018-02-08T15:45:49","modified_gmt":"2018-02-08T15:45:49","slug":"experte-ricardo-gutierrez-ueber-fake-news-repression-ist-nicht-die-loesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/europeanjournalists.org\/de\/2018\/01\/29\/experte-ricardo-gutierrez-ueber-fake-news-repression-ist-nicht-die-loesung\/","title":{"rendered":"EJF General-Sekret\u00e4r Ricardo Guti\u00e8rrez \u00fcber &#8222;Fake News&#8220;: \u201eRepression ist nicht die L\u00f6sung\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.wort.lu\/static\/1515488542\/images\/logo-lw.png\" \/><\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht am Montag, 29. Januar 2018 um 10:09<br \/>\nInterview: <strong>Diego Velazquez<\/strong> (Br\u00fcssel)<\/p>\n<p>Medienexperte Ricardo Gutierrez h\u00e4lt ein Fake-News-Verbot f\u00fcr kontraproduktiv<\/p>\n<p><strong>Herr Gutierrez, wor\u00fcber sprechen wir eigentlich, wenn von \u201eFake News\u201c die Rede ist?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin kein Freund dieses allgemeinen Begriffs, der haupts\u00e4chlich von Politikern verwendet wird, um Medien und Journalisten zu diskreditieren. Daf\u00fcr spreche ich lieber von Fehlinformationen, die sich von verifizierten und zuverl\u00e4ssigen Informationen unterscheiden, die Journalisten produzieren. Die Hauptformen dieser Desinformation, die bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen, sind einerseits die von einigen Staaten verbreitete Propaganda mit dem Ziel der politischen Destabilisierung und andererseits Kampagnen, die dazu dienen, die \u00f6ffentliche Debatte zu vergiften. Diese k\u00f6nnen ebenfalls von gro\u00dfen Konzernen gef\u00fchrt werden, um ihre wirtschaftliche Macht zu st\u00e4rken. \u00d6ffentliche Beh\u00f6rden und die Zivilgesellschaft m\u00fcssen sich auf diese beiden Formen der Fehlinformation konzentrieren, die f\u00fcr das \u00f6ffentliche Interesse am sch\u00e4dlichsten sind.<\/p>\n<p><strong>Manipulation, verdrehte Informationen und Propaganda sind ja eigentlich uralte Ph\u00e4nomene. Was ist an den sogenannten \u201eFake News\u201c so neu? Warum die Aufmerksamkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Seitdem es Journalismus gibt, hat es falsche Informationen gegeben. Es gab schon immer Informationen, die zuverl\u00e4ssiger waren als andere. Es war immer die Arbeit der Journalisten, die Wahrhaftigkeit von Informationen zu pr\u00fcfen. Daneben haben verschiedene Machtinhaber schon immer versucht, die Fakten so darzustellen, wie es ihnen gerade passte. Was vielleicht neu ist, ist die Schnelligkeit mit der einige Informationen sich auf sozialen Netzwerken massiv verbreiten. Vollkommen neu ist das allerdings auch nicht. Man braucht nur an die Verbreitungen des antisemitischen Gedankenguts Anfang des 20. Jahrhunderts in den damaligen Massenmedien zu schauen. Das waren auch \u201eFake News\u201c mit massiver Verbreitung \u2013 und mit verheerenden Folgen.<\/p>\n<p><strong>Aber ist der Zugang heutzutage nicht einfacher, was den Einfluss von verdrehten Informationen dann doch verst\u00e4rkt?<\/strong><\/p>\n<p>Eine der wenigen Studien \u00fcber den Impakt von sogenannten \u201eFake News\u201c, die von der Princeton University durchgef\u00fchrt wurde, kann keinen Impakt auf die politische Meinung ihrer Leser feststellen. In anderen Worten, \u201eFake News\u201c haben nicht dazu gef\u00fchrt, dass urspr\u00fcngliche Clinton-W\u00e4hler sich 2016 doch f\u00fcr Donald Trump entschieden, so zumindest die Studie.<\/p>\n<p><strong>Warum sind \u201eFake News\u201c dann so hoch auf der politischen Agenda?<\/strong><\/p>\n<p>Sie werden als eine Art S\u00fcndenbock benutzt. Sie werden zur allgemeinen Erkl\u00e4rung f\u00fcr alle Probleme dieser Welt. F\u00fcr Politiker ist es einfach, sich von einem Thema zu befreien, indem sie von \u201eFake News\u201c reden. Darin liegt die gr\u00f6\u00dfere Gefahr. Politiker und Machtinhaber k\u00f6nnen dieses Konzept nutzen, um Gegenm\u00e4chte zu diskreditieren. Das ist nicht nur das Problem bei Donald Trump, aber auch bei eher liberalen Politikern, die momentan dagegen vorgehen m\u00f6chten. Indem man Ma\u00dfnahmen gegen \u201eFake News\u201c unternimmt, verst\u00e4rkt man den Eindruck, dass alle Medien blo\u00df Falschinformationen verbreiten. F\u00fcr unsere Gesellschaften ist dieser Vertrauensverlust, der zu einer verallgemeinerten Misstrauensstimmung f\u00fchrt, wohl am gef\u00e4hrlichsten.<\/p>\n<p><b>Sagen Sie etwa, man sollte nichts gegen Propaganda oder das Verbreiten von wissentlich falschen Informationen unternehmen?<\/b><\/p>\n<p>Nein. Nat\u00fcrlich muss man Propaganda bek\u00e4mpfen. Ich sage nur, dass es mit repressiven Ma\u00dfnahmen nicht gen\u00fcgen wird. Im Gegenteil. Ein Verbot, wie Emmanuel Macron es in Frankreich angek\u00fcndigt hat, hilft wenig. Eine der \u201eFake News\u201c im franz\u00f6sischen Wahlkampf handelte beispielsweise von der vermeintlichen Homosexualit\u00e4t von Emmanuel Macron. Diese Ger\u00fcchte wurden von russischen Medien, die dem Kreml nahestehen, massiv verbreitet. Doch die eigentliche Quelle dieses Ger\u00fcchts waren Aussagen eines konservativen franz\u00f6sischen Abgeordneten. Ein Gesetz h\u00e4tte das nicht verhindern k\u00f6nnen. Die Aussagen waren keine \u201efakes\u201c, auch wenn die Absichten der pro-russischen Medien in diesem Fall verwerflich waren. Das ist in den meisten F\u00e4llen so. Unausgewogene und parteiische Berichterstattung kann man jedoch nicht verbieten. Auch Sender wie Fox News sind meist unausgewogen und parteiisch. Doch denkt keiner daran, Fox News verbieten zu wollen. Wie auch?<\/p>\n<p><b>Was sollte man denn unternehmen?<\/b><\/p>\n<p>Freie, unabh\u00e4ngige und zuverl\u00e4ssige Information unterst\u00fctzen zum Beispiel. Worauf wartet Macron, um einen nationalen Deontologierat f\u00fcr Medien in Frankreich zu schaffen? Worauf wartet Macron, um Gesetzte zu verabschieden, die die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Medienkartelle in Frankreich unterbinden? Worauf warten andere europ\u00e4ische Staaten, um \u00f6ffentliche F\u00f6rderungsgelder f\u00fcr Investigativjournalismus bereitzustellen, die von unabh\u00e4ngigen Jurys vergeben werden? Oder auch eine kritische Medien- und Interneterziehung ab der Grundschule einzuf\u00fchren, wo man lernen w\u00fcrde, zuverl\u00e4ssige Quellen von unzuverl\u00e4ssigen zu unterscheiden. Es gibt so viele pr\u00e4ventive und positive Ma\u00dfnahmen, die man ergreifen kann, bevor man eine gef\u00e4hrliche Jagd auf \u201eFake News\u201c er\u00f6ffnet. Dazu best\u00e4tigt eine derartige Jagd Verschw\u00f6rungstheoretiker und Leute, die glauben, man w\u00fcrde ihnen die Wahrheit am liebsten verschweigen. Das ist schlicht kontraproduktiv.<\/p>\n<p><b>Was ist mit mehr Fact-Checking \u2013 also Journalistenb\u00fcros, die die Wahrhaftigkeit von Informationen st\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcfen? Auch soziale Medien k\u00f6nnten das gebrauchen.<\/b><\/p>\n<p>Ja. Das ist ja auch eher eine pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahme. Das Problem dabei ist, dass diese Journalisten dann anderswo fehlen, weil sie gerade damit besch\u00e4ftig sind, Falschinformationen, die absichtlich in die Welt geworfen wurden, zu \u00fcberpr\u00fcfen. Deswegen ist Fact-Checking allein nicht die L\u00f6sung. Es braucht eine umfangreichere Politik, die sich an alle Akteure der Medienwelt richtet. Dazu geh\u00f6ren auch die Werbetreibenden, die durchaus auf Internetseiten zur\u00fcckgreifen, die Falschinformationen verbreiten. H\u00e4tte Macron eine breite Strategie vorgelegt, zusammen mit einigen repressiven Ma\u00dfnahmen, dann w\u00e4re es besser gewesen. Repression alleine geht aber nicht. In anderen Bereichen, wie die Kriminal- und Drogenpolitik, braucht es auch beides, damit es Sinn macht.<\/p>\n<blockquote><p>Die Jagd auf Fake News best\u00e4tigt Leute, die glauben, man w\u00fcrde ihnen die Wahrheit am liebsten verschweigen<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kritiker der repressiven Ma\u00dfnahmen, wie ein Anti-Fake-News-Gesetz, behaupten, dass es auch sch\u00e4dlich f\u00fcr die Pressefreiheit sei.<\/b><\/p>\n<p>Kollegen sagen mir, dass es mit einem Anti-Fake-News-Gesetz nicht zur Ver\u00f6ffentlichung der Cahuzac-Aff\u00e4re (nach der 2016 der franz\u00f6sische Politiker J\u00e9r\u00f4me Cahuzac wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Anm. d. Red.), gekommen w\u00e4re, weil ein derartiges Gesetz zur Aufhebung des Quellenschutzes gef\u00fchrt h\u00e4tte, um vor einem Richter zu beweisen, dass die Informationen richtig waren. Desinformation muss man bek\u00e4mpfen, aber als Vertreter von Journalisten bin ich skeptisch, was diese Instrumente angeht. Im gegenw\u00e4rtigen Klima des Abbaus von Journalistenpl\u00e4tzen wegen des wirtschaftlichen Drucks kommen repressive und restriktive Ma\u00dfnahmen umso ungelegener. Und stellen Sie sich mal vor, was eine Politikerin wie Marine Le Pen mit so einem Gesetz alles machen k\u00f6nnte &#8230;<\/p>\n<p><b>Kann die EU denn etwas Sinnvolles gegen \u201eFake News\u201c tun?<\/b><\/p>\n<p>Die EU-Kommission macht wenigstens nicht die gleichen Fehler, wie einige Staaten, die f\u00e4lschlicherweise glauben, dass ein repressives Gesetz alles l\u00f6sen k\u00f6nnte. Das ist Schwachsinn. Eine gesperrte Internetseite wird dazu f\u00fchren, dass eine neue unmittelbar danach aufgemacht wird. Die Kommission bringt momentan Experten aus dem ganzen medialen \u00d6kosystem, zu dem auch soziale Netzwerke geh\u00f6ren, zusammen, um sich auszutauschen. Was danach rauskommen wird, werden wir aber noch sehen m\u00fcssen. Daneben versucht die EU auch durch offizielle Kommunikation falsche Ger\u00fcchte zu zerstreuen. Das ist aber offizielle Staatskommunikation. Interessant w\u00e4re, unabh\u00e4ngige Information st\u00e4rker zu f\u00f6rdern. Auch gibt es wirtschaftliche Regulierungen, die dem Journalismus gut tun w\u00fcrden. Soziale Netzwerke machen den traditionellen Medien beispielsweise bei Werbeeinnahmen Konkurrenz und profitieren gleichzeitig von ihrer journalistischen Arbeit, die dort geteilt wird und Clicks generiert. Warum sollten diese sich dann nicht auch an der Finanzierung dieser Arbeit beteiligen? Die zentrale Herausforderung ist ja eigentlich das \u00dcberleben der zuverl\u00e4ssigen Information.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ver\u00f6ffentlicht am Montag, 29. Januar 2018 um 10:09 Interview: Diego Velazquez (Br\u00fcssel) Medienexperte Ricardo Gutierrez h\u00e4lt ein Fake-News-Verbot f\u00fcr kontraproduktiv Herr Gutierrez, wor\u00fcber sprechen wir eigentlich, wenn von \u201eFake News\u201c die Rede ist? Ich bin kein Freund dieses allgemeinen Begriffs, der haupts\u00e4chlich von Politikern verwendet wird, um Medien und Journalisten zu diskreditieren. Daf\u00fcr spreche ich lieber von Fehlinformationen, die sich von verifizierten und zuverl\u00e4ssigen Informationen unterscheiden, die Journalisten produzieren. 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