{"id":2391,"date":"2018-04-27T14:26:04","date_gmt":"2018-04-27T14:26:04","guid":{"rendered":"http:\/\/europeanjournalists.org\/de\/?p=2391"},"modified":"2018-04-27T14:29:10","modified_gmt":"2018-04-27T14:29:10","slug":"junge-journalisten-in-deutschland-fordern-besseres-gehalt-fuer-die-zukunft-des-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/europeanjournalists.org\/de\/2018\/04\/27\/junge-journalisten-in-deutschland-fordern-besseres-gehalt-fuer-die-zukunft-des-journalismus\/","title":{"rendered":"Junge Journalisten in Deutschland fordern besseres Gehalt f\u00fcr die Zukunft des Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>Eine Delegation von rund 20 jungen Journalisten sowie Mitglieder des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) und der Deutschen Journalist*innen-Union (DJU in Ver.di) trafen sich am 25. April 2018 in Berlin mit Verlegern, um bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Sie bestanden darauf, dass Verleger in die zuk\u00fcnftige Generation von Journalisten investieren m\u00fcsse oder die &#8222;Generation Erasmus&#8220; werde gehen und mit ihnen die jungen Themen, die junge Leser anziehen. Die Europ\u00e4ische Journalisten F\u00f6deration (EJF) unterst\u00fctzt die Forderung in junge Journalisten zu investieren.<\/p>\n<p>Dies geschah im Rahmen von \u00e4u\u00dfert schwierigen Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften, DJV und dju in ver.di, und dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Nach f\u00fcnf Verhandlungsrunden, gab es immer noch keinen Durchbruch f\u00fcr eine Einigung f\u00fcr die ungef\u00e4hr 13.000 Zeitungsjournalisten. In den letzen Tagen fanden Streiks in ganz Deutschland statt. Die Verhandlungen f\u00fcr die Zeitschriftenbranche beginnen nun auch. Die Gewerkschaften verlangen 4,5 Prozent mehr Gehalt f\u00fcr festangestellte und freie Journalisten, die in Tageszeitungen arbeiten und mindestens 200EUR mehr f\u00fcr junge Verleger &#8211; dies sind die Forderungen von Zeitungsjournalisten. Das vollst\u00e4ndige Manifest der jungen Journalist*innen im Folgenden.<\/p>\n<h2>Manifest der jungen Journalistinnen und Journalisten<\/h2>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren, werte Verlegerinnen und Verleger, vielen Dank, dass wir heute die Gelegenheit haben, pers\u00f6nlich mit Ihnen zu sprechen. Wir sind hier als Delegation von jungen Journalistinnen und Journalisten aus Baden-W\u00fcrttemberg, Mecklenburg-Vorpommern, NordrheinWestfalen und Bayern. Wir sind hier, um Ihnen zu verdeutlichen, warum wir \u00fcberproportional mehr Gehalt im neuen Gehaltstarifvertrag fordern. Seit wir die ersten Praktika im Journalismus gemacht haben, wurden wir vor unserem Job gewarnt. \u201eDie Zukunft ist ungewiss\u201c, hie\u00df es immer, oder \u201eDavon kann man als junger Mensch kaum leben.\u201c Und wurde schon immer klargemacht, dass es extrem schwer sein wird, im Journalismus einen Job zu finden, der finanzielle Sicherheit und eine Perspektive f\u00fcrs Leben bietet.<\/p>\n<p>Wir sind trotzdem hier: Wir sind Journalistinnen und Journalisten geworden. Was wir heute machen, ist viel mehr als Zeitung. Wir schreiben Artikel, bauen Online-Grafiken und Multimediareportagen oder machen Live-Blogs. Wir schreiben Sonderbeilagen und Themenserien. Oder wir drehen Videos und machen Podcasts. Und das sicher nicht, weil wir reich werden wollen. Denn der Weg in den Journalismus war hart. Als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wir mit Zeilens\u00e4tzen von 10 Cent angefangen. Neben dem Studium haben wir viele unbezahlte Praktika gemacht und dann im Volontariat trotzdem nochmal zwei Jahre lang im Schnitt von 1500 Euro netto gelebt \u2013 und das bei stetig steigenden Lebenshaltungskosten. Trotz dieser langen Ausbildung sind viele Einstiegsstellen befristet. Wir machen \u00dcberstunden, Sp\u00e4t- und Wochenenddienste und schicken Artikel mal eben von unterwegs rein. Wir feilen in unserer Freizeit an Konzeptideen und Kamera-Skills und gehen am Wochenende auf Weiterbildungsseminare. Die Anforderungen steigen, die Geh\u00e4lter nicht. Wir sind in den Journalismus gegangen, weil wir an ihn glauben und daf\u00fcr arbeiten wollen, dass er eine Zukunft hat. Man k\u00f6nnte sagen, es ist Leidenschaft. Nur: Irgendwann reicht auch die gr\u00f6\u00dfte Leidenschaft nicht mehr aus. Wenn wir keine Jobsicherheit haben, wenn wir keine Freir\u00e4ume f\u00fcr eigene Ideen bekommen, wenn wir von Sparrunden bedroht sind und vor allem: Wenn unsere Arbeit nicht wertgesch\u00e4tzt wird, auch in Form von Geld, dann gehen wir. Bei jeder Umstrukturierung hei\u00dft es, dass die Zeitung digitaler werden und junge Menschen f\u00fcr sich gewinnen muss.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird der Beruf des Journalisten immer unattraktiver. Doch gerade wir als Digital Natives werden gebraucht. Viele Leistungen haben Sie uns nach 2014 gek\u00fcrzt. Wir haben nur noch 30 statt 34 Urlaubstage. Wir bekommen weniger Jahresleistung und weniger Urlaubsgeld. Die letzten drei Berufsjahresstaffeln sind f\u00fcr uns weggefallen, der \u00dcbergang in die n\u00e4chsth\u00f6here dauert vier Jahre statt drei Jahre.<\/p>\n<p>Vor allem Online-Redaktionen werden ausgegliedert, um den Tarifvertrag zu umgehen. Diese \u00fcberwiegend jungen Kolleginnen und Kollegen sind noch deutlich schlechter gestellt. Stellen Sie sich so die digitale Zukunft der Zeitung vor? Sie wollen gut ausgebildeten Nachwuchs, der rund um die Uhr alle Kan\u00e4le bespielt und legen uns daf\u00fcr ein Angebot vor, mit dem wir jedes Jahr real Geld verlieren. Ein Angebot, das nicht mal \u00fcber der Inflationsrate von 1,8 Prozent liegt. Seit dem Jahr 2000 gab es f\u00fcr uns Journalisten keinen Einkommenszuwachs, der oberhalb der Inflationsrate lag. Deshalb ist ihr aktuelles Angebot keine Basis, auf der wir die Zukunft des Journalismus verhandeln wollen. Wer an Journalisten spart, spart am Leser. Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Wir haben Alternativen. Wir kennen viele gute Journalistinnen und Journalisten, die nach zwei, drei Jahren in die Pressestellen von Audi, Lidl, Bosch und Co. gewechselt sind. Bei jungen Online-Portalen, den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern und in der Privatwirtschaft suchen sie Leute wie uns. Weil wir mit Daten jonglieren und Videoschnitt beherrschen, uns auf den sozialen Plattformen bewegen und gerne neue Formate ausprobieren.<\/p>\n<p>Wir sind der Meinung, wer investiert, aufbaut und ausprobiert bekommt nicht nur guten und motivierten Nachwuchs, sondern schl\u00e4gt auch neue und lukrativere unternehmerische Wege ein. Die meisten Unternehmen haben das erkannt und stellen sich darauf ein. ANEKDOTE: Auf der Fahrt hierher hat uns ein Abteilungsleiter eines mittelst\u00e4ndischen Unternehmens gesagt: \u201eFr\u00fcher waren junge Leute einfach dankbar, eine Stelle zu haben. Heute muss man ihnen wirklich was bieten.\u201c Und was ist mit uns?<\/p>\n<p>Schon 2013 kritisierte die Journalistin Anke Vehmeier in einer SpringerPublikation, dass Redaktionen junge Talente zu wenig f\u00f6rdern. Wir sp\u00fcren noch immer keine Verbesserung. Wir sind die Generation Erasmus, die sich nicht mehr zwangsl\u00e4ufig an Orte oder Unternehmen bindet, sondern geht, wenn die Wertsch\u00e4tzung fehlt. F\u00fcr Sie, liebe Verlegerinnen und Verleger, ist das ein Problem: Gehen die jungen Leute, gehen auch die jungen Themen. Nat\u00fcrlich brauchen Sie Redakteurinnen und Redakteure mit jahrelanger Erfahrung, mit tollem Fachwissen, mit edlen Federn. Aber es sind die jungen Themen, mit denen Sie junge Menschen im Netz und in den Printausgaben ansprechen wollen. Und es sind wir, deren F\u00e4higkeiten Sie f\u00fcr junge Themen, das digitale Jetzt und die Zukunft brauchen. Wenn Sie jetzt kein Geld in uns investieren, erzeugen Sie Ihren eigenen Fachkr\u00e4ftemangel! Wir fordern keine Geh\u00e4lter wie bei Bosch oder dem SWR. Wir fordern: Bem\u00fchen Sie sich um uns! Und dazu geh\u00f6rt vor allem auch die Bezahlung.<\/p>\n<p>Zum Vergleich: F\u00fcr Pressesprecher und Pressesprecherinnen beginnen branchen\u00fcbliche Geh\u00e4lter bei etwa 44.000 Euro Brutto-Jahresgehalt. \u00dcblich ist deutlich mehr. Bundesweit t\u00e4tige Konzerne zahlen einem Pressesprecher 85.000 Euro im Jahr. Der Ausbildungsweg ist der gleiche. Viele von unseren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sind deshalb dorthin abgewandert. Chefredakteure und Ausbilder merken, dass die Zahl der guten Bewerbungen f\u00fcr Volontariate und Journalistenschulen zur\u00fcckgegangen ist. \u201eEs ist nicht mehr so leicht, guten Nachwuchs zu finden\u201c, sagte einer unserer Chefredakteure k\u00fcrzlich. Trotzdem: Wir m\u00f6chten in diesem Beruf bleiben, und wir m\u00f6chten gerne bei einer Tageszeitung bleiben. Wir glauben an diesen Journalismus und wir denken, dass gerade mit regionalem digitalen Zeitungsjournalismus gutes Geld verdient werden kann. Als Verleger haben Sie einen gesellschaftspolitischen Auftrag. In Zeiten, in denen der Journalismus angegriffen wird, Stichwort L\u00fcgenpresse, brauchen Sie gut ausgebildeten Nachwuchs, der das Vertrauen der Leserinnen und Leser zur\u00fcckgewinnt. Wir haben den Eindruck, es geht nur noch ums Sparen, statt um Visionen. Um Effizienz, statt um Qualit\u00e4t. Investieren Sie Geld in uns und unsere Arbeit. Sie wissen, dass wir Ihre Zukunft sind. Lassen Sie uns das sp\u00fcren, durch Wertsch\u00e4tzung und eine deutliche Gehaltssteigerung. Nur so bleibt der Job attraktiv f\u00fcr top ausgebildete Nachwuchsjournalisten.<\/p>\n<p>Zeitung wird von Menschen gemacht. Sie wollen keine unkritischen Content-Lieferanten, oder? Nehmen Sie unseren Idealismus nicht f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich. Denn wir werden das sinkende Schiff im Notfall verlassen. Versuchen Sie nicht l\u00e4nger, den Journalismus kaputtzusparen. Sonst m\u00fcssen Sie bald alleine an Ihrer Zukunft schrauben. Vielen Dank.<\/p>\n<p>Das Originaldokument ist <a href=\"https:\/\/www.djv.de\/fileadmin\/user_upload\/Tarifinfo_Junge_250418.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> zu finden.<\/p>\n<p><em>Photo Credit: DJV\u00a0Wolfgang Grebenhof<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Delegation von rund 20 jungen Journalisten sowie Mitglieder des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) und der Deutschen Journalist*innen-Union (DJU in Ver.di) trafen sich am 25. April 2018 in Berlin mit Verlegern, um bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Sie bestanden darauf, dass Verleger in die zuk\u00fcnftige Generation von Journalisten investieren m\u00fcsse oder die &#8222;Generation Erasmus&#8220; werde gehen und mit ihnen die jungen Themen, die junge Leser anziehen. Die Europ\u00e4ische Journalisten F\u00f6deration (EJF) unterst\u00fctzt die Forderung in junge Journalisten zu investieren. 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