{"id":2428,"date":"2019-03-14T10:35:53","date_gmt":"2019-03-14T10:35:53","guid":{"rendered":"https:\/\/europeanjournalists.org\/de\/?p=2428"},"modified":"2019-03-14T10:37:43","modified_gmt":"2019-03-14T10:37:43","slug":"der-kampf-ums-ueberleben-oeffentlich-rechtliche-sendeanstalten-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/europeanjournalists.org\/de\/2019\/03\/14\/der-kampf-ums-ueberleben-oeffentlich-rechtliche-sendeanstalten-in-europa\/","title":{"rendered":"Der Kampf ums \u00dcberleben: \u00d6ffentlich-Rechtliche Sendeanstalten in Europa"},"content":{"rendered":"<p>Nie waren die \u00d6ffentlich-Rechtlichen Medien so unter Beschuss wie heute. Sie seien zu \u201eteuer\u201c, sie w\u00fcrden ihrem Auftrag nicht mehr gerecht, sie w\u00fcrden zu viel in kostenintensive Sendungen, vor allem in Sport\u00fcbertragungen finanzieren \u2013 und mehr. In der Bev\u00f6lkerung wollen viele lieber statt einer Rundfunkgeb\u00fchr die Abonnements f\u00fcr Netflix oder Amazon Prime bezahlen. Und die Chefs der Privatsender machen sich daf\u00fcr stark, dass die \u00d6ffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalten (\u00d6RR) in ihrem Angebot auf Kultur, Bildung und Nachrichtenjournalismus zusammengeschrumpft werden.<\/p>\n<p>Der Druck auf die \u00d6RR \u00a0in ganz Europa steigt.\u00a0 Ob in den Niederlanden, wo gegen die angeblich politisch opportunen Programme agitiert wird, oder in Frankreich, wo Marine Le Pen den \u00d6RR Wahrheitsverdrehungen vorwirft. Die Vielfalt der abgebildeten Meinungen im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen Aufgabe und Leistung f\u00fcr die Demokratie wird hingegen gerne verschwiegen. Auch wenn in der Schweiz beim Volksentscheid die Initiative \u201eNo Billag\u201c, die sich gegen Rundfunkgeb\u00fchren wendete, mit 71,6 Prozent Nein-Stimmen deutlich abgelehnt wurde \u2013die Diskussion dar\u00fcber hat in vielen L\u00e4ndern Europas die Debatte um die \u00d6RR und Geb\u00fchren weiter befeuert.<\/p>\n<p>Wie etwa in England, Urland des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks. Zu teuer, zu schwerf\u00e4llig, politisch einseitig &#8211; das sind die Vorw\u00fcrfe seit Jahren, nun wachsen sie in der Welle der Kritik gegen die \u00d6RR, die sich in Europa formiert. Dabei\u00a0hat sie sich inzwischen\u00a0komplett reformiert und eine neue F\u00fchrungsstruktur gegeben. Doch die konservative Regierung will die BBC weiter verkleinern und private Rundfunkanbieter an der Finanzierung teilhaben.<\/p>\n<p>In Serbien, Polen und Ungarn haben die \u00d6RR mit einem ganz anderen Thema zu k\u00e4mpfen: Einer unabh\u00e4ngigen Berichterstattung. Die Politik nimmt hier einen massiven Einfluss auf den Rundfunk. So hat die Regierung von Viktor Orban das Mediensystem in Ungarn umgebaut und betreibt quasi einen Staatsrundfunk mit Verlautbarungsanspruch. Das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in den \u00d6RR in diesen L\u00e4ndern befindet sich auf einem Tiefpunkt.<\/p>\n<p>\u201eWas S\u00fcdost Europa im Demokratisierungsprozess braucht, sind unabh\u00e4ngige \u00f6ffentlich- rechtliche Medien. Wie die dortigen Kollegen in unserem Ausschuss berichten, hei\u00dft die Realit\u00e4t in einigen L\u00e4ndern statt dessen leider\u00a0 Staatsfunk\u201c sagt Rainer Reichert, Vorsitzender der Arbeitsrecht-Expertenkommisssion der Europ\u00e4ischen Journalisten F\u00f6deration.<\/p>\n<p>In anderen L\u00e4ndern hingegen ist es die Finanzierung, die den \u00d6RR ins Wanken bringen. So etwa in D\u00e4nemark: Hier schaffte die liberalkonservative Regierung die Rundfunkgeb\u00fchren ab und beschloss, den \u00d6RR zuk\u00fcnftig mit Steuern aus dem allgemeinen Haushalt zu finanzieren, deren H\u00f6he vom Einkommen abh\u00e4ngt. Doch im Zuge dieser Umstellung verpflichtete man Danmarks Radio dazu, seine Ausgaben um ein F\u00fcnftel zu k\u00fcrzen. Infolge der Sparma\u00dfnahmen werden bis zu 400 Stellen gestrichen. D\u00e4nemark ist nicht das einzige Land, das seinen \u00d6RR \u00fcber Steuern finanziert: Auch in Spanien, Portugal, Luxemburg, Belgien, den Niederlanden und Ungarn m\u00fcssen die B\u00fcrger keine Rundfunkgeb\u00fchren zahlen. Doch das bedeutet auch, dass in Zeiten wirtschaftlicher Krisen den Sendern in manchen L\u00e4ndern zunehmend die Mittel fehlen.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen die \u00d6RR tun, um weiterhin ihrem Auftrag gerecht zu werden und unabh\u00e4ngig von staatlichem Einfluss zu sein, wie k\u00f6nnen sie auch junges Publikum zu erreichen und f\u00fcr Qualit\u00e4tspogramm stehen? Diese Fragen waren auch Thema eines Workshops der Europ\u00e4ischen Journalisten-F\u00f6deration (EJF)am 4. und 5. M\u00e4rz in Bukarest, an dem Journalisten aus 24 L\u00e4ndern teilnahmen. Unter dem Titel: &#8222;Modernising public service media (PSM) through innovation and dialogue&#8220; wurden M\u00f6glichkeiten und Initiativen diskutiert, die die \u00d6RR in Europa wieder st\u00e4rken sollen. Zum Beispiel das Thema Kommunikation mit der Gesellschaft, den Zuh\u00f6rer und Zuschauern: Als best practice Beispiel pr\u00e4sentierte sich die BBC-Academy, die mit ihrem Programm \u201eYoung Reporters\u201c die jungen Menschen in direkten Kontakt mit den Medien bringt und so das Publikum direkt am Programm beteiligt. Auch der Vertrauensaufbau in das Sende-Programm geh\u00f6rt zu den vorrangigen Aufgaben der \u00d6RR. In Norwegen garantiert eine eigene \u201eEthikgruppe\u201c in der Norwegian Broadcasting Corporation (NRK) die Schaffung und Kontrolle ethischer Standards in der Berichterstattung von Radio und Fernsehen. Aber auch jede einzelne Journalistin, jeder einzelne Journalist, darin waren sich alle europ\u00e4ischen Journalisten-Teilnehmer einig, kann daf\u00fcr sorgen, dass er St\u00e4rkung der \u00d6RR beitr\u00e4gt. Das jedoch nur, wenn sie nicht zunehmend mit technischen und zus\u00e4tzlichen Anforderungen belastet werden, wie es infolge der Sparpolitik vieler Sender der Fall ist. Ein Fernsehjournalist z.B. der gleichzeitig auch noch den Sendeton \u00fcbernehmen muss und begleitend Fotos wie Online-Videos machen soll, hat nur noch wenig Kapazit\u00e4ten, inhaltlich qualit\u00e4tvolle Sendungen zu stemmen. Nur Journalisten, die von ihren Anstalten den \u201eR\u00fccken frei\u201c gehalten bekommen f\u00fcr eine fundierte und gute Arbeit, k\u00f6nnen zu dem Qualit\u00e4tsjournalismus der \u00d6RR beitragen, die in Zukunft st\u00e4rker gefordert ist denn je.<\/p>\n<p>Und dies ist wichtig, denn die \u00d6R \u00fcbernehmen heute wie morgen eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft: Laut einer aktuellen Statistik der European Broadcasting Union (EBU) stehen Menschen, die sich durch \u00d6RR informieren, demokratischen Werten und Grunds\u00e4tze besonders nah und lehnen autorit\u00e4re Systeme und deren \u00dcberzeugungen ab.<\/p>\n<p><em>Andrea Roth, Stellv. Vorsitzende Bayerischer Journalistenverband, nimmt seit 2018 an den Workshops \u201eManaging Change in Media\u201c der Europ\u00e4ischen Journalistenf\u00f6deration, die von der Europ\u00e4ischen Union mit finanziert werden,\u00a0 teil und ist hier Teil von Panels und Arbeitsgruppen.<\/em><\/p>\n<p>Foto: Camille Petit<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie waren die \u00d6ffentlich-Rechtlichen Medien so unter Beschuss wie heute. Sie seien zu \u201eteuer\u201c, sie w\u00fcrden ihrem Auftrag nicht mehr gerecht, sie w\u00fcrden zu viel in kostenintensive Sendungen, vor allem in Sport\u00fcbertragungen finanzieren \u2013 und mehr. In der Bev\u00f6lkerung wollen viele lieber statt einer Rundfunkgeb\u00fchr die Abonnements f\u00fcr Netflix oder Amazon Prime bezahlen. Und die Chefs der Privatsender machen sich daf\u00fcr stark, dass die \u00d6ffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalten (\u00d6RR) in ihrem Angebot auf Kultur, Bildung und Nachrichtenjournalismus zusammengeschrumpft werden. 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